Newsletter Schule | Schulalltag
|
Bund der Freien Waldorfschulen | Pädagogische Forschungsstelle | Waldorfbuch
Mai 2026
|
|
|
|
|
|
|
Liebe Leserinnen und Leser,
|
|
kaum eine Entwicklung verändert unsere Gesellschaft gerade so grundlegend wie Künstliche Intelligenz. Ob Arbeitsmarkt, Kommunikation, Wissensproduktion oder Bildung – KI greift in nahezu alle Bereiche ein, schneller und tiefgreifender als viele andere Innovationen vor ihr. Für Schulen stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob sie sich damit auseinandersetzen wollen, sondern wie sie es tun.
Diese Frage beschäftigt uns im BdFWS intensiv – und sie beschäftigt offensichtlich auch viele von Ihnen und euch. In Klassenzimmern, Konferenzen und Projekten wird experimentiert, diskutiert und erprobt. Waldorfschulen gehen diesen Weg mit Bedacht: Sie stärken seit jeher jene menschlichen Fähigkeiten, die keine KI ersetzen kann – Urteilskraft, Empathie, Kreativität, Eigeninitiative. Gleichzeitig vermittelt eine seit Jahren etablierte Medienpädagogik das nötige Rüstzeug, um digitale Werkzeuge verstehend und souverän zu nutzen. Dieser ganzheitliche Ansatz ist kein Zufall – er ist das Fundament, auf dem ein verantwortungsvoller Umgang mit KI erst möglich wird.
Was uns in dieser Ausgabe antreibt, ist der Wunsch, sichtbar zu machen, was bereits geschieht: FutureLabs, die Räume für gemeinsames Denken öffnen. Lehrkräfte, die KI als Werkzeug für inklusiven Unterricht erproben. Schüler:innen, die einen ChatBot aus den Werken Rudolf Steiners bauen. Medienpädagog:innen, die KI erfahrbar machen. Fachleute, die nüchtern und offen über das diskutieren, was Large Language Models im Unterricht wirklich leisten – und was nicht.
Wir sind überzeugt: Bildung der Zukunft wird nicht durch maximale Technisierung gekennzeichnet sein. Sie wird KI als Werkzeug begreifen und sinnvoll in ein menschengemäßes Leben einbetten. Waldorfschulen sind auf diesem Weg bereits unterwegs.
Herzlich,
Ihre/eure Nele Auschra
|
|
|
01
|
Künstliche Intelligenz und Inklusion
|
|
|
|
02
|
TafelTalk – der Podcast: Wo hört die KI-Kompetenz auf und wo fängt Kommunikation an?
|
|
|
|
03
|
Medienpädagogik und Künstliche Intelligenz: Zweites Netzwerktreffen von „Medienpädagogik vor Ort“ an der Freien Hochschule Stuttgart
|
|
|
|
04
|
FutureLab der Waldorfschule Isartal: Wenn Schule den Aufbruch wagt
|
|
|
|
06
|
Aus der Erziehungskunst: Schüler:innen entwickeln ChatBot
|
|
|
|
|
|
01. Künstliche Intelligenz und Inklusion
|
Die Schüler*innen der Fachschule sitzen im Unterricht und lauschen der Lehrkraft – Kommunikation, das Vier-Ohren-Prinzip nach Schulz von Thun ist Thema. Eine Studentin unterstützt den Fachunterricht. Sie hat Arbeitsblätter erstellt – sie nutzte KI, um den Inhalt des Arbeitsblattes in einfache Sprache zu übersetzen und es für die weitere Arbeit den Fachschüler*innen vorzulegen. Einfache Sprache hat die Studentin bereits im Studium erlernt, sie kennt die Maßgaben und Regeln und weiß, worauf es ankommt. Sie lässt sich von KI bei der Übersetzung helfen, überprüft und korrigiert im Anschluss. Am Ende der Stunde melden fast alle Schüler*innen, dass sie auf diese Art das Thema gut verstehen konnten. Einfache Sprache hilft allen in dieser sehr diversen Klasse.
Hintergrund für die Arbeit der Studentin ist das Forschungsprojekt einer jungen Frau, die mit Trisomie 21 lebt. Die Fachschule, die sie besucht, ist auf dem Weg, sich inklusiv zu entwickeln. Studierende erstellen mit Lehrkräften Unterrichtsmaterialien, die das Lernen grundsätzlich für alle erleichtern. Da diese Klasse sehr divers ist und im besten Sinne inklusiv, nutzt diese Unterrichtsentwicklung allen Fachschüler*innen. Im Anschluss an die Lehreinheit zu Kommunikation erstellt die Lehrkraft für den Test ebenfalls eine Version in einfacher Sprache. Und nutzt dafür ebenfalls Künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz kann als Hilfe für inklusiven Unterricht eine wichtige Rolle spielen. Und in diesem Forschungsprojekt probieren wir explizit die KI-Nutzung zur Erstellung von Unterrichtsmaterialien aus.
Hintergrund Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändert gegenwärtig nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche: Bildung, Arbeit, Kommunikation, Partizipation und Inklusion. Der letzte Staatenbericht zur UN-Behindertenrechtskonvention im August 2023 hat Deutschland in der Entwicklung schulischer Konzepte für inklusive Bildung vehement kritisiert. In der Verschränkung von inklusiver und digitaler Entwicklung eröffnet sich jedoch ein spannendes und spannungsreiches Feld: Künstliche Intelligenz kann Inklusion fördern. Das Konzept der „Diklusion“ denkt Digitalisierung und Inklusion zusammen.
KI-basierte Technologien versprechen zunächst eine erhebliche Erweiterung inklusiver Möglichkeiten. Adaptive Lernsysteme können Lerninhalte individuell anpassen, Spracherkennung und -synthese erleichtern Kommunikation, und visuelle oder auditive Assistenzsysteme unterstützen Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen. Für Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen entstehen so neue Zugänge zu Wissen, die zuvor oft durch strukturelle Barrieren eingeschränkt waren. Künstliche Intelligenz kann Texte vereinfachen, Inhalte übersetzen, visuell aufbereiten oder in verschiedene Modalitäten überführen – ein zentraler Schritt hin zu barrierearmen Bildungsangeboten.
Thomas Knaus nennt sieben Kriterien, die im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz zu bedenken sind: Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt und wirkt auf Arbeitswelt, Politik, Informationsrecherche, Wissensproduktion und Bildung. Künstliche Intelligenz kommuniziert mit und beeinflusst Prozesse der Wissens- und Meinungsbildung. Künstliche Intelligenz kann jedoch auch zum Bildungs- und Reflexionsgegenstand werden, da sie geduldiger „Lern-Buddy“ sein kann oder kritischer „Sparringspartner“ in der Begleitung von Lernprozessen oder der Unterstützung von Lehrenden. Als „Blackbox“ fordert Künstliche Intelligenz jedoch unsere subjektive Bildung heraus. Medienpädagogische Praxis kann und muss helfen, KI erfahrbar, greifbar, sichtbar und verstehbar zu machen.
Prof’in Dr. Ulrike Barth, Professur für transformative und inklusive Bildung, Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft
Dieser Text ist ein Auszug, zu Gesamttext geht es hier:
|
|
|
|
|
|
|
02. TafelTalk – der Podcast: Wo hört die KI-Kompetenz auf und wo fängt Kommunikation an?
|
Wie hat sich der Fremdsprachenunterricht in der Mittel- und Oberstufe durch „Künstliche Intelligenz“ verändert? Die Zeiten, in denen man als Hausaufgabe aufgegeben hat, einen Text zu übersetzen, sind vorbei; das erledigt ChatGPT.
Wie gehen Lehrkräfte an Waldorfschulen mit dieser Thematik um? Welche Strategien werden entwickelt, um einerseits das analoge Lernen weiterhin zu fördern, andererseits aber mit den SchülerInnen auch die neuen Techniken zu nutzen. In dieser Folge spreche ich mit Summet Anand, Englischlehrerin an der Freien Waldorfschule Oberursel darüber, wo die Kompetenz von KI aufhört und Kommunikation anfängt.
Nina Haberkorn Fachreferat Öffentlichkeitsarbeit Landesarbeitsgemeinschaft Hessen
|
|
|
|
|
|
|
03. Medienpädagogik und Künstliche Intelligenz: Zweites Netzwerktreffen von „Medienpädagogik vor Ort“ an der Freien Hochschule Stuttgart
|
|
Wie unterscheidet KI Katzen von Hunden? Und wer bearbeitet Anfragen im chinesischen Zimmer?
Zwei Tage lang erproben rund 40 Medienpädagog:innen Ideen und Methoden, mit Jugendlichen Phänomene rund um künstliche Intelligenz zu verstehen und zu gestalten. Angereist sind sie aus ganz Deutschland, viele von ihnen Ehemalige des Zertifikatsstudiengangs „Medienpädagogik“ der FHS.
Prof. Thomas Damberger (FHS) betont in seiner Eröffnungs-Keynote, KI brauche pädagogische Rahmung und keine Verbotskultur, denn Bildung, so sagt er und geht dabei bis zu Hegel zurück, sei kein Optimierungsprozess, sondern Welterschließung in Beziehung, medienkritische Bildung müsse außerdem immer strukturkritisch sein.
Prof. Paula Bleckmann (Alanus-Hochschule) und Prof. Robert Neumann (FHS) verwandeln die Teilnehmenden mit Wollfäden und Papprollen in ein neuronales Netzwerk und öffnen so die Blackbox KI. Im Zentrum des Vortrags von Dr. Julia Kernbach steht die digitale Souveränität, sie stellt europäische KI-Tools vor. Norbert Harz erklärt mathematische Hintergründe künstlicher Intelligenz, Viola Hoffmann zeigt auf, wo KI bereits heute Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist und an welchen Stellen sie gesunde Entwicklung bedroht.
Viel Stoff also, aber auch viel Netzwerk und Austausch. Mehrere Waldorfschulen stellen ihre medienpädagogischen Konzepte zur Diskussion, außerdem geben Franz Glaw, Dr. Nino Mindiashvili und Prof. Robert Neumann Ausblicke auf die geplante zweite Phase von „Medienpädagogik vor Ort“: Medienpädagogik-Teams sollen in verschiedenen Regionen Deutschlands Waldorfschul-Kollegien ausbilden und bei der Entwicklung von medienpädagogischen Angeboten in den Schulen unterstützen. Denn, da sind sich alle Anwesenden einig, Waldorfschulen müssen sich den Fragen der Zeit stellen und das medienpädagogische Netzwerk muss noch viel größer werden.
von Elke Dillmann, Journalistin und Dozentin
|
|
|
|
|
|
|
04. FutureLab der Waldorfschule Isartal: Wenn Schule den Aufbruch wagt
|
|
Was passiert, wenn eine Waldorfschule KI nicht zum Problem erklärt, sondern zum Gegenstand gemeinsamer Bildung macht? An der Waldorfschule Isartal in Geretsried lässt sich die Antwort ablesen – in Form des FutureLabs, einem Veranstaltungsformat, das innerhalb der Waldorfbewegung neue Wege geht und bundesweit Aufmerksamkeit auf sich zog.
Über eineinhalb Tage hinweg kamen rund 150 Teilnehmende zusammen, um sich mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen: differenziert, kontrovers und bewusst ohne vorschnelle Antworten. Das FutureLab gilt als das erste Format seiner Art in der Waldorfwelt, das KI nicht umgeht, sondern aktiv in den Mittelpunkt stellt – als kulturelles, technisches und gesellschaftliches Phänomen, das Schule und menschliche Entwicklung gleichermaßen berührt.
Das Besondere des Formats lag in seiner Breite. Schülerinnen und Schüler diskutierten gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Zu den Beitragenden zählten Prof. Dr. Neumann (Freie Hochschule Stuttgart), Prof. Dr. Bauer (Medien- und Gehirnforscher), Johannes Neumeier (Head of AI im Bayerischen Staatsministerium für Digitales) sowie Thomas Schmidt (AI 4 Educators). Eröffnet wurde das FutureLab vom Bürgermeister der Stadt Geretsried, der über den konkreten Einsatz von KI in der kommunalen Verwaltung sprach – eine Perspektive, die das Thema unmittelbar in den Alltag holte. Eine Videobotschaft des Bayerischen Staatsministers für Digitales, Fabian Mehring, unterstrich die überregionale Bedeutung des Anliegens.
Pro-KI-Positionen trafen dabei auf kritische Perspektiven – und genau das war programmatisch. Gerald Drahorad und Florian Steiger, die Initiatoren des FutureLabs, bringen den Ansatz auf den Punkt: „Es ging uns nicht darum, KI zu bewerten oder ein pädagogisches Rezept zu liefern. Wir wollten einen Raum öffnen, in dem Fragen gestellt werden dürfen und gemeinsames Denken entsteht."
Getragen wurde das FutureLab auch von der Schulgemeinschaft selbst: Die 12. Klasse übernahm die Versorgung der Teilnehmenden, eine zwölfköpfige Jazzband der Musikschule Geretsried prägte die offene Atmosphäre. Finanziell und durch ihr Netzwerk unterstützt wurde die Veranstaltung von der Software AG, der Waldorf-Stiftung, der IGG Industriegemeinschaft Geretsried und der Ernst Pelz Stiftung – eine Kooperation, die Schule bewusst mit außerschulischen Akteuren verband.
Was die Keynotes zeigten
Die inhaltliche Synthese der Vorträge lässt einen klaren gemeinsamen Grundton erkennen: Künstliche Intelligenz ist keine bloße technische Ergänzung, sondern greift tief in Lern-, Denk- und Entscheidungsprozesse ein. Die entscheidende Frage für Bildung lautet damit nicht mehr, ob KI thematisiert werden soll – sondern wie sie verantwortungsvoll, entwicklungsangemessen und pädagogisch reflektiert in schulische Kontexte eingebettet werden kann.
Ein zentrales verbindendes Motiv war der Perspektivwechsel: von wissenszentriertem hin zu kompetenz- und prozessorientiertem Lernen. In einer Welt jederzeit verfügbarer Informationen verliert reines Faktenwissen an Bedeutung. In den Vordergrund rücken Fähigkeiten, die nicht automatisierbar sind: kritisches Denken, Urteilsfähigkeit, Kreativität, Selbststeuerung, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit. Lernen wird dabei als aktiver, dialogischer und erfahrungsbasierter Prozess verstanden – nicht als reine Wissensabfrage.
Gleichzeitig warnten die Beiträge übereinstimmend vor einer vorschnellen Digitalisierung, insbesondere in frühen Entwicklungsphasen.
Entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse betonen: Intelligenz entsteht nicht primär durch abstrakte Symbolverarbeitung, sondern durch verkörperte Weltbegegnung. Beziehung, Resonanz und sinnliche Erfahrung bilden die Grundlage, auf der digitale Werkzeuge erst sinnvoll aufbauen können.
Daraus leitet sich ein entwicklungsorientiertes Stufenmodell ab: In der frühen Kindheit stehen reale Erfahrungsräume und analoge Kulturtechniken im Vordergrund. Erst auf dieser Basis können KI und digitale Medien schrittweise, reflektiert und gestaltend eingeführt werden – nicht konsumierend, sondern verstehend und mitgestaltend. Der Waldorfpädagogik wurde dabei eine besondere Anschlussfähigkeit zugeschrieben: Ihr ganzheitlicher Ansatz, der Denken, Fühlen und Handeln verbindet, schafft tragfähige Grundlagen für genau diesen verantwortungsvollen Umgang.
Schule als Ort gemeinsamer Orientierung
Das FutureLab war auch ein deutliches Zeichen, wie Waldorfschulen auf gesellschaftliche Umbrüche reagieren können: nicht abwartend, sondern als aktive Bildungsakteurinnen. Das Interesse reichte weit über die Region hinaus – Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Waldorfschulen aus dem gesamten Bundesgebiet waren angereist, darunter Steffi Sell (Vorstand BdFWS), Ingo Christians (Pädagogische Forschungsstelle) sowie Mitglieder der Bundes-Schüler- und Bundeselternvertretung. Vielfach wurde das FutureLab als Leuchtfeuer und richtungsweisend für den weiteren Umgang der Waldorfpädagogik mit Künstlicher Intelligenz bezeichnet.
Die Waldorfschule Isartal versteht das Format nicht als einmaliges Ereignis. Die Ergebnisse werden dokumentiert, weitere Formate zur Vertiefung und Vernetzung sind geplant. Ein Auftakt – der Raum für Fortsetzungen lässt und zur Nachahmung einlädt.
Von Florian Steiger, Referent für Schulentwicklung im Bund der Freien Waldorfschulen
|
|
|
|
|
|
|
05. Fach- und Praxistag: KI im Arbeitsumfeld Unterricht
|
Über 30 Menschen kamen am 20. April im Festsaal der Freien Waldorfschule Kassel zusammen. Vor allem Lehrkräfte aller Fachrichtungen, aber auch Geschäftsführende und Eltern nutzten den Fach- und Praxistag, um in mehreren Arbeitseinheiten auszuloten, wie sie Künstliche Intelligenz (KI) – genauer: Large Language Models (LLM) – im Arbeitsfeld Unterricht sinnvoll einsetzen können.
Rechtliche, organisatorische oder verwaltungstechnische Fragen rund um KI und Schule waren der Gruppe bewusst, sollten an diesem Tag aber ausdrücklich außen vor bleiben. Im Mittelpunkt standen drei kurze Impulsbeiträge und anschließende Gruppenarbeiten nach Fachbereichen – mit einem klaren Fokus auf konkrete Unterrichtsfragen.
Der abschließende Blick im Plenum zeigte ein differenziertes Bild: In manchen Bereichen können LLM Lehrkräfte und Lernende spürbar entlasten, in anderen sind sie wenig hilfreich oder sogar hinderlich. Deutlich wurde: Die Tools entwickeln sich rasant. Es braucht einen realistischen, nüchternen Blick auf das Werkzeug LLM. Gutes Prompten müssen Lehrende wie Lernende aktiv erlernen, ebenso die kritische Prüfung der generierten Texte – bis hin zur Frage nach belastbaren Quellen. Ob LLM tatsächlich immer Zeit spart, blieb nach den Berichten aus der Praxis zumindest zweifelhaft. Sicher ist: Für alle Beteiligten eröffnet sich ein weites Lernfeld, das weder mit Euphorie noch mit Angst betreten werden sollte.
Wie geht es weiter? Ingo Christians von der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Organisator des Fachtags, sieht in den Begegnungen den Ausgangspunkt für eine Arbeitsgruppe. Aus ihr soll eine Beratungsressource für Waldorfschulen in Deutschland entstehen. Einig waren sich die Anwesenden darin, dass es für den Einsatz von LLM im Unterricht keine einfachen Handreichungen „von der Stange“ geben kann – gefragt sind gemeinsame Erfahrungsräume, professionelle Urteilsbildung und ein wacher, verantwortlicher Umgang mit KI im Schulalltag.
Nele AuschraVorständin und Leiterin Öffentlichkeitsarbeit | Kommunikation im Bund der Freien Waldorfschulen und
|
|
|
|
|
|
06. Aus der Erziehungskunst: Schüler:innen entwickeln ChatBot
|
|
Schüler:innen entwickeln ChatBot Aus der Erziehungskunst AUSGABE 10/23
Was passiert, wenn ein einfallsreicher Schüler, Künstliche Intelligenz und die Werke Rudolf Steiners zusammenkommen? Im Rahmen der Projektwoche an der Waldorfschule Potsdam wurde daraus der ChatBot ChatwithSteiner. Wir haben ihn in der Redaktion ausprobiert und festgestellt, dass die Anwendung viel Spaß machen kann.
Gleichzeitig müssen wir uns, wie immer, wenn KI etwas generiert, darüber im Klaren sein, dass eine solche virtuelle Maschine auch viel Unsinn ausspucken kann. Das Projekt haben weder Historiker:innen noch andere Wissenschaftler gebastelt, sondern Schüler:innen. Grundlage der Datenbank sind allerdings historische Quellen. Daher ist es nötig, als Nutzer:in aufmerksam zu sein, den Output in die Gegenwart zu kontextualisieren und sich selbst ständig zu kontrollieren, um der Tendenz nicht nachzugeben, Sätze der KI als authentische Aussagen in diesem Fall Rudolf Steiners zu interpretieren.
„Wo ist Gott?" tippen wir langsam und sehr gespannt in das Suchfeld. Über dem Suchfeld wurden wir begrüßt mit dem Satz „Meine verehrten Freunde, ich erhebe mich aus dem Reich der Vergangenheit, um Eure Fragen zu beantworten". Wort für Wort füllt sich dann das Antwortfeld: „Gott kann überall sein, da er die Allgegenwart verkörpert. Er ist im Kosmos präsent, in der Natur und im Menschen selbst. Jacob Boehme sagt, dass Gott sich im Gegenteil des Göttlichen manifestiert und dass der Mensch aus Gott hervorgegangen ist. Daher kannst du Gott in dir selbst finden, indem du deine spirituellen Organe entwickelst und dich in der Welt um dich herum suchst. Dies ist der Weg der Theosophie. Wenn du die physische Welt verlässt und in die spirituelle Welt eintreten, wirst du erkennen, dass die Dreieinigkeit Gottes als Einheit erscheint. Wenn du jedoch die Apokalypse liest, solltest du beachten, dass die Unterscheidung zwischen Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht so direkt auf der physischen Ebene erfolgen sollte. (…) Vor diesem Zustand, in dem der Mensch vor allem mit seinem Willen beschäftigt ist, wird ein anderer kommen, in dem er nur mit Erkenntnis befasst ist und in die geistige Welt schauen muss." Unter dem Antwortfeld wird uns angezeigt, aus welchen Werken Rudolf Steiners die Antwort zusammengestellt wurde.
Eine ziemlich profund klingende Antwort, stellen wir fest. Kaum zu glauben, dass dieser Chatbot innerhalb nur einer Projektwoche von einem Dutzend jugendlicher Schüler:innen gebaut wurde. „Ich interessiere mich sehr für Informatik und wollte das irgendwie bei der anstehenden Projektwoche einbringen", berichtet Johan Mateo Grimsehl aus der neunten Klasse. Die Idee entstand, einen digitalen Gesprächspartner zu schaffen, der nach der Philosophie und den Lehren von Rudolf Steiner antwortet. „Da Rudolf Steiner mit den Vorträgen und Büchern eine große Menge Textmaterial hinterlassen hat, lag für mich nahe, dass man diese nutzen könnte."
Während der Projektwoche beschäftigten sich 15 Schüler und eine Schülerin von der siebten bis zur zwölften Klasse intensiv damit, wie sie Rudolf Steiners Werke zu einem ChatBot machen könnten. Ihr Projekt stieß zunächst auch auf Skepsis, wie der Zehntklässler Lucas berichtet: „Manche Lehrer:innen waren kritisch und fanden es bedenklich, quasi einen toten Menschen wiederzubeleben". Auf ihrer Internetseite hat die Projektgruppe deswegen auch Aussagen zu möglichen ethischen Bedenken formuliert (siehe unten).
Von ChatGPT zum eigenen Bot
Für die Arbeit teilten sich die Schüler:innen in Gruppen auf. Lucas arbeitete zum Beispiel im Team Ethik, Qualitätssicherung und Interview mit. Die anderen Teams kümmerten sich ums Marketing, ums Programmieren mit der Sprache React, ums Design und Prompt Engineering bis hin zum Management, das Ideengeber Johan übernahm. „Zur Vorbereitung hatte ich mir rund 3.000 Artikel von Rudolf Steiner beim Onlineportal Rudolf Steiner Archiv heruntergeladen, 19.000 aus dem deutschen Anthrowiki und 3.000 aus dem englischen. Natürlich verweisen unsere Links deshalb auf die Seite", erklärt er.
In der Folge pflegte das zuständige Team die Daten in ein KI-Modell ein, damit auf Fragen passende Antworten gefunden werden können. „Das Ganze basiert auf ChatGPT, wird aber mit den Daten von Rudolf Steiner nachgefüttert", beschreibt Johan das Vorgehen.
Weitere Schritte unternahmen die Teams unter Anleitung von zwei Lehrern, die „ein bisschen technischen Support gemacht haben. Aber vor allem haben wir selbst gearbeitet", so Johan stolz. Bei Fragen zur freien Zugänglichkeit zu einem KI-Generator im Netz und damit verbundenen Kosten, winken die jugendlichen Programmierer ab. Johan erklärt: „Das Ganze hat uns ungefähr zehn Dollar gekostet, für die Serverkosten. Den Rest kann man sich einfach runterladen."
Für die Umsetzung war unter anderem Neuntklässler David vom Team React zuständig: „Wir haben ganz im Sinne des Marketings bei „Call-to-Action" den Klick zur Aktion gebracht, das heißt, wir haben die Grundseite programmiert – mit viel Hilfe von Johan, weil wir uns bisher nicht so gut auskannten."
Die teilweise vorhandene Skepsis der Lehrer:innen hat sich laut Lucas inzwischen weitgehend zerstreut. „Wir haben Umfragen bei den Lehrer:innen gemacht. Die Reaktionen waren ganz positiv. Schon im Vorfeld haben sie uns viele Fragen gestellt, die sie hinterher beantwortet haben wollten. Letztendlich ist die Mehrheit schon über das Resultat erfreut und will es selbst auf jeden Fall ausprobieren."
Design bis Marketing
Auch das Design-Team der Siebt- und Achtklässler hat zum Gelingen des Projekts beigetragen – die Schüler:innen entwickelten Logos und Animationen und nutzten die Schrift mit dem Namen Antropos. Unterstützung kam laut Johan auch hier aus der virtuellen Welt: „Eine Idee des Projektes war, dass man sich viel von KI helfen lässt, weil die das schon kann. Heißt, die Logos wurden zum größten Teil auch von KI nach unseren Wünschen erstellt."
Das Team Marketing hat die Erziehungskunst und andere Medien via E-Mail über das Projekt informiert. „Wir haben uns darum gekümmert, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt", erklärt Neo. Dima ergänzt: „Wir haben auch ein Video gedreht, einen Trailer über den Entstehungsprozess, das für unsere Schulwebsite vorgesehen ist."
Lessons learned!
Für die Schüler:innen bleiben unterm Strich eine Menge positiver Erkenntnisse. David aus dem Programmierteam fand: „Das war schon ein Luxus. Wir mussten gar nicht so viel selber machen – die KI hat uns viel abgenommen und alles einfacher gemacht." Neo aus dem Marketing-Team kannte sich mit den Programmen zwar schon etwas aus, „aber ich habe alle Schritte nochmal besser realisiert: wie man von Null über Themen wie Videoänderung bis hin zum Mail-Schreiben kommt. Man muss ja auch dafür sorgen, dass alles ankommt und das Thema richtig rüberkommt. Das fand ich lehrreich. Mir hat das Projekt viel Spaß gemacht."
Auch unter der Rubrik Über uns auf chatwithsteiner.de kann man nachlesen, was die jungen Programmierer:innen nachträglich empfanden: „Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben und freuen uns über jeden, der unseren Rudolf-Steiner-ChatBOT ausprobiert. Letztlich haben wir dieses Projekt aus unserer Wertschätzung für die Lehren von Steiner und unserem Wunsch, diese der Welt zugänglich zu machen, realisiert. Wir hoffen, dass durch unseren ChatBOT mehr Menschen die Gedanken und Ideen von Rudolf Steiner erkunden und darüber hinaus inspiriert werden!"
Angelika Lonnemann und Stefanie Rühle-Kunst, Erziehungskunst
|
|
|
|
|
|